Chrizz B.Reuer

DER WÜSTENDACKEL und andere Wunder-Same Vorkomnisse

Auftakt: Sonnen-Story – (Nur die Sonne. Und Eis)

»Waldmeister ist der Bruder von Schlumpf-Eis.«

Ach. So ist das also, dachte ich.

Immer wollte er mir diese blöden Sorten andrehen. Einmal hatte ich Schlumpf-Eis probiert. Das musste reichen für ein Leben. Schöne Farbe, okay, genau wie die Schlümpfe. Aber der Geschmack erinnerte mich ans Pappstückchen-Kauen in der Schule, wenn mir langweilig war. Wie diese Wan-Tan-Suppe einmal beim Chinesen.

Die Verwandtschaft zu Schlumpf-Eis schreckte mich jedenfalls auch von Waldmeister ab. Ich nahm Nuss und Mokka, ging wieder in den Garten und legte mich hin.

Knatternd fuhr der VW-Bus des Eismannes an.

Ein paar Gedanken gingen mir durch den Kopf. Viele waren es nicht.

Bald würden die Brombeeren wieder so weit sein.

Ob ich es wohl diesmal schaffte, alle Brombeeren zu pflücken? Jedes Jahr nehme ich mir das vor.

Was man sich immer so alles vornimmt: Vor zwei Wochen wollte ich mir auch schon die Fußnägel schneiden.

Keine Lust jetzt.

Heiß war‘s, wie schon die letzten Tage. Trotzdem schwitzte ich nur wenig.

Etwas Mokka-Eis tropfte auf den Rasen. Schade, dass Nuss schon weg war. Nächstes Mal zwei Kugeln davon.

Der Eismann ist immer pünktlich. Auf ihn kann man sich verlassen.

Sehr bequem hier.

Ich dachte entfernt daran, in etwa zehn Minuten mal die Position zu wechseln.

Irgendwas an meinem linken großen Zeh verursachte Juckreiz. Ich überlegte, ob ich mich kratzen sollte. Da piekste es.

Vielleicht hätte ich mich besser gekratzt.

Langsam verblasste die Erinnerung des Mundes an den Mokka-Geschmack.

Erst jetzt bemerkte ich das Zirpen der Grillen. Oder war es das Grillen der Zirpen? Nie sehe ich sie. Irgendwann mal Brille aufsetzen.

Aber egal.

Der Nachbar wird heute Abend bestimmt wieder grillen. Und seine dicke Frau dazu zirpen. Im Geist sah ich die beiden vor mir. Er mit Blasebalg. Sie ungeduldig.

An ihm ist ja nichts dick, nur seine Hornbrille.

Ich blinzelte belustigt in die Sonne.

Gegrillte Fleischstücke kamen mir in den Sinn. Koteletts. Schnitzel. Bratwürste. Hmmm.

Mein Bauch fühlte sich ganz warm an. Die kleinen Härchen darauf glänzten golden. Sehr angenehm. Alles ruhig. Alles warm. Alles gut. Alles schön.

Ich war jetzt frei, konnte alles tun, was ich wollte.

Noch besser war, dass ich es auch lassen konnte.

Was hätte ich jetzt, in diesem Moment, auch Schöneres tun sollen? Und wozu?

Genau so war es gut, es machte mich umso freier.

Keine Zwänge von außen, und diesmal wollte ich mir auch keine selbst auferlegen. Immer so gehetzt, kommt ja doch nix dabei raus.

 

Ich malte mir aus, was ich jetzt, genau in diesem Moment, gerade so alles verpasste.

Es war eine herrliche Vorstellung.

Nichts, das seine vermeintliche Bedeutung behielt.

Ich räkelte mich kurz und atmete tief durch. Gleich werde ich mich mal herumdrehen, dachte ich. Den Rücken auch bescheinen lassen. Genau. Noch ein bisschen, dann rumdrehen.

Ein bisschen noch …

Rudi: Ein unveröffentlichter Text.

Anfang der 90er, wie ich aus zuverlässiger Quelle erfuhr.

Es sollte wohl der Anfang eines Romans werden, ist aber ein Fragment geblieben. Dieses allererste Stück heraus genommen.

Stand dann später bei zwei, drei Live-Vorträgen für sich.

Bestechend.

Diese.

Langsamkeit.

(Rudi zwinkert, fröhlich-bemüht)

ANITA: Auf jeden Fall, hihi.

Sonne. Nur die.

Sonne.

— — —

ZUM WEITERLESEN – Tipp von RUDI: In »KURT COBAINS KRATZIGE STRICKJACKE« (Ang. a.a.O.) hat Chrizz das gleiche Thema zu Anfang in der Titelstory mit einer ähnlichen Grundstimmung noch einmal bearbeitet. Er liegt in der Sonne. Diesmal als Schwarz tragender Gothic.

ANITA (lacht) ..

 

Chrizz B.Reuer DER WÜSTENDACKEL und andere Wunder-Same Vorkomnisse
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